Tallinn

Geschichte:

Vermutlich entstand Tallinn im 11.Jh. als Bauernburg, um einen am Meer gelegenen Handelsplatz zu schützen. Erwähnt wurde Tallinn allerdings erst 1154 auf der Landkarte des arabischen Geographen Mohammed al-Idrisi unter dem Namen Qaluwany. Die nächste urkundliche Erwähnung stammt aus dem Jahr 1219, in der von einer Bauernburg Lyndanise in Rävela die Rede ist. Dänische Chroniken sprechen von Revele, woraus sich das deutsche Reval entwickelte. Ein 50m hoher Kalkberg, der spätere Domberg, war bestens zur Beobachtung der Küstenlinie geeignet, was die Voraussetzungen zur Entwicklung einer florierenden Hafen- und Handelsstadt bot. 1219 landete der dänische König Waldemar II. mit seiner Flotte vor der Küste Estlands, um im Auftrag des Papstes das heidnische Nordosteuropa zu missionieren. Die Dänen gingen aus dem Kampf mit den Esten als Sieger hervor und fortan wurde die Stadt als Dänenstadt bezeichnet, woraus sich der estnische Name Tallinn (von estn. taani = Dänen und linn = Stadt) entwickelte.

Nur kurze Zeit später eroberte der deutsche Schwertritterorden Tallinn, womit Estland zur nördlichsten Provinz des Heiligen Römischen Reiches wurde. Im 13.Jh. rief der Orden deutsche Handwerker und Kaufleute in die Stadt unter dem Versprechen von Sonderrechten. Allerdings musste der Orden die Stadt schon 1238 nach dem Vertrag von Stenby an die Dänen zurückgeben, welche Tallinn 1248 das lübische Stadtrecht verliehen. So entwickelte sich Tallinn, auch dank seiner günstigen geographischen Lage, zu einer aufstrebenden Handelsstadt. Dieser Aufschwung wurde durch den Beitritt zum Bund Norddeutscher Städte, der späteren Hanse, im Jahr 1284 weiter vorangetrieben.

1343 versuchten sich die bislang rechtlosen Esten aus der Fremdherrschaft zu befreien, was aber blutig niedergeschlagen wurde. Darauf verkaufte Dänemark Tallinn an den Deutschen Orden, der sie ein Jahr später an den Livländischen Orden weitergab. Nachdem sich die Stadt, vorwiegend durch den Salzhandel, zu einem wichtigen Handelsplatz zwischen Ost und West entwickelt hatte, verlor sie im 16. und 17.Jh. an Bedeutung. Mitte des 16.Jh. versuchte Iwan der Schreckliche, Tallinn zu erobern. Die gut befestigte Stadt wurde zwar nicht eingenommen, ihre Bevölkerung musste allerdings, von Truppen umzingelt, 37 Wochen hungern.

Im Zuge des Livländischen Krieges (1558-1583) fiel Tallinn an Schweden. Trotz der verheerenden Pest von 1603, einer Hungersnot und dem Brand auf dem Domberg 1684 ging es der estnischen Bevölkerung in der schwedischen Machtphase relativ gut, da sie rechtlich besser gestellt wurde.

Während des Nordischen Krieges gelang es Peter I. 1710, die Stadt zu erobern. Im Anschluß bekam die deutsche Oberschicht von den neuen Herrschern ihre unter den Schweden verlorenen Privilegien zurück, was allerdings noch nicht zu einem neuen Aufschwung Tallinns reichte. Dieser kam erst 1870 mit der Eröffnung der Bahnlinie Tallinn-St. Petersburg. Die Stadt wurde in Moskau mittlerweile als das russische Fenster nach Europa angesehen, in dessen Zuge auch der Tallinner Hafen zum drittgrößten des gesamten russischen Imperiums ausgebaut wurde. 1904 konnten die Esten endlich die Führungsrolle in der Stadt übernehmen und das Streben nach Unabhängigkeit wurde immer stärker, doch die russische Revolution 1905, als auch die Oktoberrevolution von 1917 verhalfen den Esten nicht zur ersehnten Selbstständigkeit.

Im Ersten Weltkrieg wurde Tallinn von deutschen Truppen besetzt. Nach ihrem Abzug konnte sich Estland am 2. Februar 1920 endlich als souveräner Staat bezeichnen. Tallinn wurde ihre Hauptstadt und erlebte eine neue Blütezeit. Dem wurde allerdings schon 1940 ein jähes Ende bereitet, als sowjetische Truppen das Baltikum besetzten und kurze Zeit später in die UdSSR eingliederten. Tallinn wurde somit Hauptstadt der Unionsrepublik Estland. Mit dem Amtsantritt Gorbatschows lebten die unterdrückten Unabhängigkeitsbestrebungen Estlands erneut auf. Im September 1998 forderten 300.000 Esten auf dem Festival Die Lieder Estlands ihre politische, kulturelle und wirtschaftliche Unabhängigkeit. Seit dem 20. August 1991 ist Tallinn wieder Hauptstadt einer eigenständigen, souveränen Republik.

Lage:

Informationen:

Ort: Tallinn

Land: Estland

Besucht am: 08-10.09.2012

Fläche: 159,2 km²

Einwohner: 429.899 (2014)

Web: Tallinn

Bilder:

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Stadtmauer

Die Arbeiten zur Verteidigung der Stadt begannen im Jahr 1265, das heutige Mauersystem datiert allerdings aus dem 14. Jahrhundert. In ihrer Blütezeit im 16. Jahrhundert war die Mauer 2,4 km lang, 14-16 m hoch, bis zu 3 m dick und hatte 46 Türme. Heute stehen noch 1,9 km der Mauer und knapp die Hälfte der Türme, die an heldenhafte Ritter und Damen in Bedrängung denken lassen.

Kiek in de Kök (hochdeutsch Kuck in die Küche) ist ein ehemaliger Kanonenturm in Estlands Hauptstadt Tallinn. Der Turm wurde 1475 gebaut, er ist 38 m hoch, hat einen Durchmesser von 17 m, die Mauern sind 3-4 m dick. Er war seinerzeit der größte seiner Art in Nordeuropa.

Der Bau des Turms begann im Jahr 1510, nach anderen Angaben 1511, im Zuge eines Ausbaus der Befestigungsanlagen Revals, die aufgrund der verbesserten Waffentechnik notwendig geworden war. Die Dicke Margarethe diente dabei als Geschützturm, mit dem Reval gegen Angriffe von der nahen Ostsee geschützt wurde. Zugleich sollte sie wohl aber auch von See her Anreisende beeindrucken. Die Außenmauern des Turms wurden mit einer Stärke von etwa fünf Metern bei einem Durchmesser von etwa 24 Metern ausgeführt. Die Höhe beträgt etwa 20 Meter, womit die Dicke Margarethe, für Türme eher ungewöhnlich, breiter ist als hoch. Anders als bei der älteren Stadtbefestigung verfügte die Dicke Margarethe auch bereits im ersten ihrer vier Stockwerke über Schießscharten. Die Fertigstellung des Turms erfolgte 1529, nach anderen Angaben 1530.

Der Jungfern Turm (Neitsitorn) wurde mit der Stadtmauer erbaut und später als Gefängnis für Prostituierte benutzt. Häufige Angriffe auf die Stadtmauer und ihre Wehrtürme führten immer wieder zu schweren Beschädigungen und zu umfangreichen Restaurierungsarbeiten.

Das Viru-Tor diente als Haupteingang in die Stadt auf der Ostseite. Dies ist eines der beiden Tore der Festungsmauer, erhalten geblieben. Viru-Tor wird auch als das "Tor der Zeit", weil durch sie die Sie von einer modernen Stadt im Mittelalter zu erhalten. Diese beiden Rundtürmen, im vierzehnten Jahrhundert, verteidigte die Ansätze für die Zugbrücke, die den Wassergraben vor der Stadtmauer aufgespannt wird.

Alexander-Newski-Kathedrale

Die Newski-Kathedrale wurde zwischen 1894/1895 und 1900 als russisch-orthodoxe Kathedrale von Michail Preobraschenski in dem damaligen Gouvernement Estland des Russischen Kaiserreiches erbaut. Am Standort auf dem Domberg war ursprünglich ein Lutherdenkmal vorgesehen, dessen Errichtung von den russischen Behörden jedoch untersagt wurde. Die Konsekration der Kathedrale fand am 30. April 1900 statt. Der Bau kostete knapp 600.000 Rubel, es wurden ca. 430.000 gespendet und 150.000 Rubel vom Staat gezahlt.

Während der Unabhängigkeit Estlands sollte die Kathedrale, die als Symbol der Russifizierung gesehen wurde, im Jahre 1924 abgerissen werden. Im Zweiten Weltkrieg schlossen 1941 die deutschen Eroberer die Kathedrale. Ende des 20. Jahrhunderts wurde sie grundlegend restauriert. Teile der Gottesdienste werden auf estnisch abgehalten.

Die Kathedrale ist reich geschmückt und hat elf in Sankt Petersburg gegossene Glocken, die größte davon wiegt etwa 16 Tonnen und somit mehr als die anderen zehn zusammen. Sie hat drei Altäre, dabei ist der nördliche Altar Wladimir I. (dem Heiligen) geweiht, der südliche dem Heiligen Sergius von Radonesch.

Der Sockel des Gebäudes besteht aus finnischem Granit. Auf den fünf Zwiebeltürmen sind vergoldete Eisenkreuze zu sehen. Im Inneren befinden sich drei vergoldete, aus Holz geschnitzte Ikonostasen. Auch gibt es noch vier Ikonen-Kästen. Die Ikonen der Ikonostasen und Ikonenkästen wurden in St. Petersburg auf Kupfer- und Zinkplatten gemalt. Die Fenster sind mit Glasmalereien geschmückt, auch gibt es Gemälde und Mosaike.

Heilig-Geist-Kirche

Die Heilig-Geist-Kirche wurde um 1300 als Erweiterung der ursprünglichen Kapelle des Armen- und Siechenhauses der Stadt errichtet. Kern ist ein zweischiffiges Langhaus mit zehn Kreuzrippengewölbe. Die Heilig-Geist-Kirche ist die kleinste der mittelalterlichen Kirchen Tallinns. 1380 wurde sie fertiggestellt.

An die Westwand schließt sich ein minarettartiger barocker Turm vom Ende des 17. Jahrhunderts an. Er ersetzte einen Renaissanceturm, der vom Blitz getroffen worden war. Im achtstöckigen Turm befand sich neben zwei Glocken aus dem 17. Jahrhundert die älteste Kirchenglocke Tallinns. Sie stammt aus dem Jahr 1433. Ihre berühmte Inschrift in Mittelniederdeutsch (unterhalb einer lateinischen Zeile) lautet: "ik sla rechte / der maghet als deme knechte / der vrouwen als dem heren / des en kan mi nemant ver keren" ("Ich schlage gleichwohl / für die Magd wie für den Knecht / für die Dame wie für den Herrn / das kann mir niemand verwehrn"). Darunter steht der Name des Glockgießers: Merten Seifert. Die Glocke wurde bei einem Brand des Turms 2002 schwer beschädigt.

Die Heilig-Geist-Kirche hat in der Geschichte Estlands eine zentrale Rolle gespielt. Der Rat der Stadt hielt vor seinen Sitzungen im Tallinner Rathaus hier regelmäßig die Heilige Messe ab. In der Kirche wurden ab 1531 die ersten Predigten in estnischer Sprache gehalten. Pastoren der Kirche waren unter anderem Johann Koell, der 1535 den Katechismus ins Estnische übersetzte, und der Chronist Balthasar Rüssow.

Tallinner Dom

Die erste Kirche an der heutigen Stelle wurde wahrscheinlich 1219, kurz nach der Eroberung des heutigen Dombergs in der Schlacht von Lyndanisse, errichtet. Sie ist eine dänische Gründung und stellt wahrscheinlich die erste christliche Kirche auf dem estnischen Festland überhaupt dar.

Der erste Kirchenbau war aus Holz. Mit der Ankunft von Dominikaner-Mönchen aus dem dänischen Kloster Ribe 1229 wurde die Kirche durch einen Steinbau ersetzt. 1233 kamen die Mönche bei Auseinandersetzungen zwischen dänischen Vasallen und dem Schwertbrüderorden ums Leben. Ein Schreiben nach Rom vom selben Jahr, das um die erneute Weihe der Kirche bittet, ist der erste schriftliche Beleg der Kirche auf dem Domberg. 1240 wurde der einschiffige Bau fertiggestellt und der Jungfrau Maria geweiht. Seit diesem Jahr trägt sie den Namen Domkirche. Anfang des 14. Jahrhunderts begannen umfangreiche Umbauarbeiten, die die Kirche erweiterten. Seit den 1330er Jahren wurde das Gotteshaus nach dem Vorbild der gotländischen Kirchen in eine dreischiffige Basilika im gotischen Stil umgebaut. Hundert Jahre später waren die Arbeiten abgeschlossen.

Bei dem großen Feuer auf dem Domberg am 6. Juni 1684 wurde die Kirche sehr stark in Mitleidenschaft gezogen. Mehrere Bögen sowie der Altarraum stürzten ein. Kunsthistorisch wertvolle Steinmetzarbeiten wurden zerstört. Kurz nach dem Feuer wurde die Kirche weitgehend originalgetreu wiederhergestellt. Die neue barocke Ausstattung, unter anderem Wappenepitaphe, der Hochaltar und die mit Apostelfiguren geschmückte Kanzel, stammt vornehmlich aus der Werkstatt des Tallinner Meisters Christian Ackermann. Ein Werk des Bildhauers Heinrich (Hinrik) Martens ist der vom Ältesten der Domgilde Hermann Rahr 1694 gestiftete und vom Malermeister Lorenz Buchau vergoldete Kalvarienberg, die "Golgotha-Gruppe", ein vier Meter hohes Kruzifix, flankiert von Skulpturen Marias und Johannes'.

1778/79 wurde ein neuer, barocker Kirchturm am westlichen Ende des Langschiffs angefügt. Zwei der vier Kirchenglocken stammen aus dem 17. Jahrhundert, die beiden anderen aus dem 18. Jahrhundert. Dominant im Kircheninneren sind die zwei Familienlogen aus dem 18. Jahrhundert (von Patkul und von Manteuffel). Das Altargemälde "Christus am Kreuz" stammt von dem Düsseldorfer Maler Eduard Gebhardt (1866).

Die Tallinner Domkirche ist auch für ihre zahlreichen Grabplatten vom 13. bis zum 18. Jahrhundert und für ihre steinernen Sarkophage aus dem 17. Jahrhundert bekannt. Darunter sind die Grabmale von Pontus de la Gardie und seiner Frau Sofia Gyllenhielm, Carl Huringson Horn (beide von Arent Passer), Adam Johann von Krusenstern, Samuel Greigh, Caspar von Tiesenhausen, Hermann Rahr, Reinhold Otto von Taube und Otto von Uexküll.

Die Wände der Domkirche zieren die 107 Wappenepitaphe der deutschbaltischen Adligen Estlands.